13. Juli (Vortag) – „Ich möchte dem alten Berggeist da oben einen Besuch abstatten. Es ist ein bisschen so, als würde ich auf die Rückenflosse eines alten, steinernen Drachen klettern wollen. Wenn er beschließt, mich abzuschütteln, dann wird er das tun. In den letzen 154 Jahren scheint er eher amüsiert hinabgeblickt zu haben auf die kleinen Menschlein, die ab und zu auf ihm herumkrabblen…“ Eintrag in mein Tagebuch. Worauf hatte ich mich da nur eingelassen…aber nein, es war genau der richtige Moment.

Wanderung zur Hörnlihütte und zum Fuße des Matterhorns

Der zweistündige Marsch ab der Bergstation Schwarzsee hinauf zur Hörnlihütte wirkte fast entspannt gegenüber dem, was uns, meinen Bergführer und mich, morgen erwarten würde. In Trailrunningklamotten, die Bergschuhe baumelten am Rucksack, wanderten wir recht entspannt hinauf. Die Kondition war da. An der Stelle mit den Glücksteinen habe ich natürlich auch einen schönen Stein mit Quarzeinschlüssen dazugelegt. Das Wetter sah fantastisch aus. Würde der Drache uns willkommen heißen?

Die berühmte Hörnlihütte, mit Blick auf das morgige Tagesziel

Die Stimmung in der modernen Hütte auf 3260 m hatte wenig von einer gemütlichen Alpenhütte – nicht wegen der fehlenden Gastfreundschaft (im Gegenteil, wir wurden sehr freundlich empfangen und köstlich bewirtet). Aber es ging eine nervöse Anspannung von den (oftmals ziemlich bärtigen) Bergsteigern aus, die sich wie ein Teppich über die Stimmung legte. Es waren viele unterschiedliche Nationen und Altersgruppen vertreten; Schweizer, Italiener, Franzosen, Deutsche…insgesamt aber sehr wenige Frauen. Wir schauten uns die Einstiegsstelle und die ersten paar Meter am Berg spätnachmittags bei einem 30 minütigen Erkundungstrip an, damit das morgen bei Dunkelheit etwas leichter von der Hand ging. Ab 21 Uhr war Schlafenszeit – obwohl draußen noch die Sonne schien! Den Vollbärten in meinem Mehrbettzimmer schien das nichts auszumachen – sie schnarchten bald vor sich hin. Schlafen war für mich angesichts des bevorstehenden Abenteuers quasi unmöglich.

Abendstimmung, Blick von der Terrasse der Hörnlihütte ins Mattertal

14. Juli (Gipfeltag): Um 3:15 war Wecken – in wenigen Minuten in die Bergsteigerausrüstung, einschließlich Klettergurt geschlüpft, alles aus dem Zimmer nach unten gebracht, einen Teil im unteren Lager in die dafür bereitgestellten Plastikboxen verstaut, den sorgfältig gepackten Rucksack für den Aufstieg an der Tür deponiert. Ein kurzes, spartanisches Frühstück um 3:30 – Müsli mit Milch – ein großer Fehler!! Mein Verdauungssystem war nicht bereit für Nahrungsaufnahme jeder Art – und das bis zum Wiedereintreffen in der Hütte ca. 7 Stunden später!

Es ging los – die Bergsteiger versammelten sich an der Ausgangstür der Hütte, die nach strengen Regeln geöffnet und in festgelegter Reihenfolge verlassen wurde. Mein Bergführer und ich seilten uns aneinander an. Die Vorspannung lag wie eine ölige Masse über dem Raum, alle wollten so weit vorne wie möglich starten. Ich checkte mit den Ladies von der Hütte noch kurz, ob mein Helm denn gerade säße (was mir kichernd bestätigt wurde) – Fotos mit schiefem Kletterhelm sehen schließlich doof aus. Spiegel gab es hier auch keine – und ich hatte bereits harte Verhandlungen mit meinem Bergführer führen müssen bezüglich des Gepäcks für den Aufstieg (das Beautycase war nicht erlaubt – es musste den Steigeisen weichen; eine Zusatzdaunenjacke wurde letztendlich toleriert (PS: ich hab sie tatsächlich nicht gebraucht – der Aufstieg fordert vollen körperlichen Einsatz).

Lokale Bergführer haben mit ihren Gästen Vortritt – so kam es, daß mein Bergführer mich um Punkt 3:50 durch die Tür in die kühle Dunkelheit zog: „Und los geht’s!“, und wir den schweigenden Trupp aus Stirnlampenträgern im Gänsemarsch zur Einstiegsstelle anführten. Die konzentrierte Stille nur durch die Atemgeräusche der Gruppe, leisem Klimpern der Ausrüstung und in der Ferne einem unheimlichen Rumpeln herunterdonnernder Eismassen unterbrochen. Beim Einstieg schwangen wir uns als erste über die Drahtstufen und das erste Fixseil nach oben. Das Abenteuer hatte begonnen.

Tief im Tal erblickt man die Seitenmoräne des Zmuttgletschers

In der Dunkelheit kletterten wir die grossformatigen Felsen hoch, meist in Beinarbeit mit einem Arm abstützend. In der freien Hand hielt der Bergführer das Seil welches mich sicherte, und mit meiner (weniger oft) freien Hand zog ich meine Fotokamera hervor, wenn ich sie mal nicht zum Klettern brauchte. Das Milchmüsli polterte in meinem Magen und raubte mir wertvolle Kräfte. Erst ein paar Schlucke Cola brachten Linderung und etwas Energie. Dann begann auch noch meine Stirnlampe zu flackern, und damit anzudrohen, bald zu erlöschen. Ich wollte mir gar nicht erst ausmalen, wieviel schwieriger das Hinaufklettern in der Dunkelheit werden würde. Zudem war dieser Stroboskopeffekt äusserst irritierend, sogar für meinen Bergführer. Aber wir konnten beide nichts daran ändern, also verloren wir keine Worte darüber, sondern hofften auf die baldige Dämmerung.

Die ersten Sonnenstrahlen berühren uns – nach einer endlosen Stunde in Dunkelheit und Dämmerung können die Stirnlampen endlich ausgezogen werden

In der Erinnerung an den Aufstieg bauen sich Gefühle aus einerseits großer Anstrengung, einschließlich kurzer Befürchtungen, dass ich es vielleicht doch nicht schaffen würde, aber auch unvorstellbarer Freude über die wunderschöne Aussicht auf. Vor allem in dem Moment wo wir oberhalb der Solvayhütte (auf 4003 m) von den ersten orange-roten Sonnenstrahlen berührt wurden (und wahrscheinlich von hunderten japanischer Fotokameras vom Dorf aus aufgenommen wurden, könnte man uns auf diese Entfernung erkennen) und ca. zwei sehr anstrengende Stunden später, als wir den Gipfel erreichten.

Auf dem schweizer Gipfel des Matterhorns – das italienische Gipfelkreuz ist weiter hinten zu sehen.

Die Kräfte werden unterhalb des Gipfels, beim Dach, nochmal extrem gefordert, wenn das Klettern entlang der fünf Fixseile mit Steigeisen im schneidenden Wind bevorsteht. An die Stelle mit der Kette, woran man sich über einen glatten, senkrechten Felsabschnitt hochziehen muss, werden sich alle Matterhornbesteiger sicherlich lange erinnern. Ein strahlend blauer Himmel und eine fantastische Weitsicht, die mich sogar durch den Schleier meiner Erschöpfung in den ersten Sekunden nach Erreichen des Gipfels, fast umhaute vor Glück. Gratulation! – Wir waren die ersten auf dem Gipfel an dem Tag! Fast ein Revival der Erstbesteigung am selben Datum vor 154 Jahren!

Ein eisiger Wind wehte auf dem Gipfel – hier der Blick Richtung Osten und Abstieg

Es wehte allerdings ein scharfer, eisiger Wind, deswegen wurden die Fotos so schnell wie möglich gemacht. So also sieht das „Toblerone“ Model oben aus! Ein auf natürliche Art sorgsam ausbalanciertes Spitzdach aus Fels und Schnee. Wir hatten dabei eine spektakuläre Weitsicht entlang der Ost-West Achse über das Alpenpanorama. Rechts ein steiler Abgrund aus eisigem Schnee (Nordseite), auf dem man, einmal ins Rutschen gekommen, keine Chance hätte anzuhalten. Links (Südseite), direkt neben der schmalen Spur im Schnee auf dem Grat Richtung italienischer Gipfel, konnte man gar keinen Hang erkennen. Der ging so abrupt abwärts, dass man sich runter beugen müsste, um ihn direkt zu sehen. Nur eine scharfe, schroffe Felskante stellt den natürlichen Schlussstein des Berges dar. Es war seltsam, nach all den Anstrengungen plötzlich oben zu sein – und nicht mehr weiter hoch zu können. Es war vollbracht, ich war ganz oben. Auf 4478 m Höhe, dem zwölfthöchsten und einem der schwierigsten Gipfel der Alpen.

Blick nach Italien, Cervinia (Südflanke des Matterhorns)

Vom Gipfel des Matterhorns verfasste ich noch ein Grußvideo für unseren italienischen Astronauten, der in einer Woche zur Raumstation abheben sollte. Dann ging es an den Abstieg, der nicht weniger anstrengend und faszinierend war wie der Aufstieg.

Die Hände in den Handschuhen im stetigen Kontakt mit dem kühlen, scharfen Fels; der Berg, ein Urgeschöpf der Kontinentalplattentektonik, die mit unerbittlichen Kräften die Alpen erschaffen hat. Am Matterhorn (überwiegend Gneis) ist man auf den letzten Überbleibseln des „afrikanischen Kontinents“ unterwegs, der vor ca. 250 Mio Jahren in die eurasische Platte geschoben wurde, wobei sich unter anderem das Matterhorn auftürmte. Man begegnet einem sehr vielfältigen Farbspektrum: rotes, gelbes, schwarzes, und grünes Gestein; vor allem Letzteres dem einstigen Ozean „Thetys“ zugehörend.

An dieser Stelle am Berg werden die Steigeisen für den letzten Teil im Dach an bzw. beim Abstieg wieder abgelegt.

Beim Aufstieg ging es vor allem darum, die „Cruising Speed“, wie mein Bergführer es nannte, zu erreichen. Und die war ziemlich schnell, lange Pausen gab es quasi keine. Ich hörte immer wieder die Mantras von oberhalb des straffen Seils: „Auf meine Tritte achten!“, „Immer stetig bewegen!“, „Auf den Beinen gehen, ohne Hände!“.  Geschwindigkeit ist am Berg auch mit Sicherheit verknüpft. Schneller ankommen bedeutet geringeres Risiko für Unfälle und übermäßige Ermüdung. Ich habe mich beim Aufstieg nach Pausen gesehnt, aber nichts gesagt, sondern mich hochgekämpft. Der Bergführer hatte mich im Blick, und wir wären umgekehrt, wenn er Zweifel bekommen hätte, dass ich es schaffe. Für Widerworte, und sogar für Fotos machen, fehlte streckenweise einfach die Luft.

Die Hörnliroute in Gipfelnähe mit Fixseilen – neun Fixseile am ganzen Berg!

Beim Abstieg ist es wichtig, die Konzentration bis zum Ende aufrecht zu erhalten. Hier passieren die meisten tödlichen Abstürze – wie bereits geschehen bei der Erstbesteigung in 1865, die vier der sieben Gipfelstürmer das Leben kostete – und sie somit von der Liste der erfolgreichen Erstbesteiger strich.  

Von dem eisigen Wind froren meine Finger, trotz dicker Handschuhe, etwas ein und ich konnte einige von ihnen irgendwann nicht mehr spüren. Hier mussten Sofortmaßnahmen ergriffen werden, um die Finger wieder zu durchbluten – was sich mit einem „Armschleudermanöver“ bewerkstelligen lies, aber mit unsagbaren Schmerzen verbunden war, sobald das Blut in die Finger floß! Danach ging es mit dem Klettern aber wieder besser.

Ich spürte meine Kräfte langsam schwinden – von oben wurde ich unermüdlich angetrieben: „Immer weiter! Immer Konzentration!“ Einmal rutschte ich ein wenig auf einer Felsplatte ab – der Sicherheitsgriff des Bergführers kam unmittelbar, und verhinderte ein weiteres Abrutschen – allerdings wurde ich kurz darauf streng zurechtgewiesen, jetzt nicht nachzulassen. Trotzdem musste ich streckenweise den „Autopiloten“ einschalten – vor allem als die Info kam: „ Es geht noch eine Weile – ca. 1,5 Stunden bis zur Hütte“ – unvorstellbar! Wir konnten die Hütte tief unter uns bereits sehen – wie konnte sie noch so weit weg sein? Meine Beine und Knie merkten die Anstrengungen des Abstieges deutlich – weiches Abfedern wurde zunehmend schwieriger, obwohl das wichtig ist, um die Knie bei dieser Abwärtskletterei zu schonen. Dennoch lies mich die gewaltige Schönheit dieser felsigen Landschaftschaft und die Größe des Erlebnisses meine Strapazen immer wieder vergessen – es war magisch!

Die steinerne Rückenflosse des Drachen mit der Hörnlihütte tief weiter unten

Wir kamen als erste Seilschaft gegen 11:00 wieder bei der Hörnlihütte an. Das letzte Mal Abseilen an der Einstiegsstelle, diesmal in vollem Sonnenschein. Wir wurden von den Tagesgästen, die auf der Terrasse in der Sonne saßen, neugierig beäugt. Der Hüttenwart gratulierte uns zur erfolgreichen Gipfelbesteigung – „Vielen Dank – aber ich brauche jetzt erst mal unbedingt eine Rivella!“ – und später kam sogar noch ein Suure Most – (jawoll – mit Alkohol!) – dazu!! Mit Essen hatte ich immer noch etwas Schwierigkeiten. Nachdem ich mich erschöpft auf die Holzbank niedergelassen hatte, dachte ich, ich könne nie wieder von ihr aufstehen. Ich habe meine Beine noch tagelang nach dem Matterhornaufstieg gemerkt. Aber das war es wert!

Wieder zurück auf der Terrasse der Hörnlihütte – erst mal alle Ausrüstung abgeworfen!
Erschöpft aber glücklich

Fazit: meine intensive Trainingsvorbereitung hat gerade so ausgereicht, um den Gipfel unter günstigen Bedingungen zu erreichen. Andererseits hat sie gereicht, trotz sehr limitierter Trainingsmöglichkeiten direkt am Berg (woraus die Notwendigkeit einer sehr intensiven, zielgerichteten und alternativen Vorbereitungsstrategie mit den Möglichkeiten im Flachland resultierte). Ein Großteil der Leistung wird durch die Beinarbeit bestimmt. Dabei geht der Aufstieg eher auf die „Pumpe“, der Abstieg auf die Oberschenkel. Lesson learned für die nächste Tour: intensiveres Oberschenkeltraining und noch umfassenderes Ausdauertraining; das Klettertraining und insgesamt eine gute Rumpfkraft waren hingegen eine gute Vorbereitung für die Kletterstellen. Und nächstes Mal kein Müsli mit Milch kurz vor dem Aufstieg! Angst hatte ich keine einzige Sekunde während der gesamten Tour – ein Urvertrauen in die Kompetenz des Bergführers ist ein wichtiges Sicherheitselement. Überhaupt, die Tatsache, mit einem professionellen Bergführer unterwegs zu sein, der für die Sicherheit zuständig ist, um Schicksalsschläge am Schicksalsberg zu vermeiden, ist (lebens)wichtig.

Ich konnte die Präsenz eines Berggeistes oben allerdings nicht spüren. Die spirituellen Erwartungen, die man an so einen Ort hat– sie werden nicht unbedingt erfüllt. Aber eine wichtige Sache ist mir klargeworden:

Es ist nicht der Berg, der das Mystische an sich hat. Der Berg ist ein Haufen Steine und Geröll. Es sind die Menschen darauf und darum, die es magisch machen, und dadurch den Berg beseelen. Und zwar alle. Die Hüttenwarte und Hoteliers, die Gastarbeiter; die Japaner, die den Berg nur von unten fotografieren, die Bergsteiger, die ihr Glück darauf versuchen, die Bergführer, die tagelang hintereinander den Berg besteigen und für die Sicherheit ihrer Gäste und ein tolles Erlebnis sorgen, die Rettungskräfte in der Luft und am Boden, die ihr Bestes tun, um eine verunglückte Seele zu retten und all die Touristen am und um den Berg herum. Die Menschen und deren Geschichten sind es, die die magischen Begegnungen am Berg ausmachen und dem Matterhorn seine einzigartige Faszination verleihen.

Und wie es zu dieser „verrückten“ Idee kam, erzähle ich ein nächstes Mal…

Schweiz, 2019

Alle Bilder : Nora Petersen, CC BY SA 4.0