Der Abend senkt sich über uns und taucht die Landschaft in natürliche Stille. Wir haben unser Zelt am Rande der kleinen Salzlagune aufgebaut. Ausser uns keine Menschenseele. Die Pferde werden versorgt. Das Feuer knistert, unser Essen ist bald fertig. Die letzen Sonnenstrahlen vergolden eine Landschaft aus Fels und Salz, und verwandeln sie in etwas Unwirkliches, Wunderschönes.

Noch vor wenigen Minuten sind wir durch die schlammig-klebrige Konsistenz des nassen Salzes gewatet – Menschenspuren neben Tierspuren. Haben in der Salzsole gebadet wie im Toten Meer. Morgen bei Sonnenaufgang erwarten wir die Flamingos. Ich habe meinen Wecker schon gestellt.

Sobald die Sonne weg ist, zeigt sich ein Sternenhimmel, wie er nur an wenigen Orten der Welt zu sehen ist. Und einer davon ist hier. In der trockensten Wüste der Welt, der hochgelegenen Atacama de Chile, auf über 2400 Meter über dem Meer! Erhaben und wunderschön! Das NASA Obeservatorium haben wir vorhin beim Vorbereiten auf einem Hügel gesehen.

Die Milchstraße, und eine Fülle von Sternen, wie ich sie noch nie gesehen habe! Ich kann meine Augen gar nicht von dem atemberaubenden Anblick abwenden. Meine Fotokamera ist bereit. Dieser Schatz aber läßt sich ausschliesslich mit den Augen im Herzen verewigen. Nur in der Wüste Namibias habe ich noch mal einen vergleichbaren Sternenhimmel gesehen. Die Nacht wird kurz.

Kurz vor Sonnenaufgang hören und sehen wir endlich die rosa Flamingos. Nur ein paar wenige, aber sie kommen genauso zum Frühstück wie wir gleich. Am schiefen Campingtisch auf schiefen Stühlen – schlicht aber urgemütlich. Die Nacht war sehr kalt, aber sobald die Sonne auf das Zelt scheint, wird es sehr schnell warm darin. Nachdem alles verpackt ist, satteln wir auf und reiten los.

Tagsüber reiten wir durch eine trockene, heiße, wunderschöne Landschaft. In der Ferne beobachten wir immerwieder „Sandteufel“, Sandwindhosen, die öfter in dieser Gegend entstehen. Wir reiten im Bogen um sie herum. Ich fragte mich, was wohl passieren würde, wenn wir mal in so einen Sandtornado hineingeraten würden. Wenn man in der Nähe ist, hört man das wilde Rauschen, aber sie bewegen sich flott über das Land. Manche reichen einige Meter hoch, andere wachsen bis zu 200 m in die Höhe, bei einem Durchmesser von über zehn Metern am Boden. Allerdings sind selbst die kleinen Sandteufel schon stark. Die Richtung lässt sich schwer vorhersagen. Was macht man, wenn einer auf einen zukommt? Davon galoppieren? Unser Guide äussert sich nicht recht dazu.

Und dann passiert es plötzlich. Ein Sandteufel formiert sich ca. fünf Meter direkt vor uns, gewinnt rasch an Stärke und rast auf uns zu. Gar keine Chance zu entkommen. Das Ding fährt gnadenlos durch uns hindurch. In diesen Sekunden wird alles um einen herum sandig-gelb, wie in einem Sandsturm. Ich schütze mich durch Kopf einziehen, Tuch vor die Augen halten und Augen zukneifen. Der Sturm zerrt an uns. Die Pferde unter uns geraten in Panik und wollen durchgehen, aber wir bekommen sie noch unter Kontrolle. Und plötzlich ist der ganze Spuk vorbei.

Das Mittagessen nehmen wir im Schatten von Büschen oder Felsen ein. Uns kommen Touristen in Jeeps entgegen – „Adventure Tours“ – wir lachen – das echte Abenteuer haben doch wir!

Auf den staubigen Wegen müssen wir auf kleine Löcher aufpassen. Eine Mäuseart baut unterirdische Gänge und mit dem Pferd einbrechen kann gefährlich werden, weil sie stolpen oder gar stürzen könnten.

In unterschiedlichsten Tempi, die man von einer Reithalle gar nicht kennt, bewegen wir uns durch die felsige und weite Landschaft. Die Pferde sind trittsicher, und passen sich dem Untergrund an. Wir sitzen bequem in den Fellen der Sättel. Echter kann der Wilde Westen auch nicht sein! Bequem machen ist nicht – man muss aktiv im Sattel mitarbeiten. Gewicht verlagen, treiben, lenken, mitschauen. Wenn es steile Dünen hochgeht, muss das Gewicht weit nach vorne verlagert werden; wenn es steil abwärts geht, nach hinten.

Aber nicht nur Dünen meistern wir. Auch Überbleibseln der Vergangenheit der ersten Besiedlungen des Landes begegnen wir in Beter und Tulor, erkennbar an überwiegend von Sand bedeckten Mauerresten und Lehmziegeln zwischen Wüstenbüschen.

Meistens sind wir im Schritt oder Trab unterwegs (Leichttraben kann man bei diesen Sätteln vergessen, da hilft nur eine gute Rumpfbalance). Die Galoppagen, wenn das Gelände es zulässt, sind unbeschreiblich. Zügel geben – und das Pferd läuft mit einem Spaß und einer Power aus Leibeskräften los! Nicht zu vergleichen mit dem lahmen Hallentrott. Hier draussen galoppieren die Tiere gefühlt drei bis fünf mal schneller! Ein wahnsinns Spaß! Mehrere Galoppagen am Tag sind aber auch anstrengend. Der ganze Körper ist dabei gefordert, das Gleichgewicht zu halten (Oberschenkel und Rumpf!!) und dabei effizient mit den Bewegungen des Pferdes mitzugehen. Wir haben monatelag trainert: wöchentliche Reitstunden, Bein- und Rumpfkrafttraining. Bei einer Galoppage ist meinem Vorreiter einmal im hohen Bogen die Satteltasche weggeflogen. Ich bin vor lauter Lachen fast selbst vom Pferd gefallen.

Sind auch mal ein paar Dünen hoch galoppiert, allerdings haben unsere Vierbeiner das nicht alle geschafft, trotz der kleinen Wettrennen. Irgendwann ging unseren Pferden die Puste aus, und wir liessen sie nach Luft schnappen. Die Tiere keuchen dabei wie eine Dampflock und man spürt die heftige, ruckartige Atmung zwischen den Schenkeln. Aber sie haben sich tapfer hochgekämpft. Und man merkt auch ihnen den Spaß an der Bewegung an. Die Pferderasse, landestypische „Criollos“, sind perfekt an diese Umgebung angepasst. Weit oben auf der dunkelgrauen Düne steht unser Guide, und wartet schon, daß wir nachkommen.

Der Guide hatte das schnellste Pferd von allen

Auch durch Canyons mit alten Felsinschriften sind wir gekommen. Wir ließen die raue Landschaft auf uns wirken. Die Pferde kratzen sich an den Felsen am liebsten das Hinterteil.

Wieder angekommen in San Pedro de Atacama, heißt es, Abschied nehmen. Sechs Tage waren wir auf dem Pferderücken unterwegs, haben die Abende am Lagerfeuer und die Nächte im Zelt verbracht. Der Staub läßt sich mit diesen bescheidenen hiesigen Duschen (Wasser muß sorgsam gespart werden) kaum vom Körper waschen. Aber das spielt eigentlich auch keine Rolle…..

Am nächsten Morgen geht’s in den Süden. Dort erwartet uns eine Landschaft, die konträrer zu dieser hier gar nicht sein könnte.

Chile, 2010

Alle Bilder : Nora Petersen, CC BY SA 4.0