
Bei manchen Gastgebern ist man doch eher froh, wenn dieser gerade nicht zu Hause ist. Ein Yeti muss so wohnen in der Schweiz: eine „Maisonettewohnung“ am Fuße des Matterhorns.
So gefährlich unbekannte, wilde Höhlen auch sein mögen – so unwiderstehlich verlockend sind die auch für unsere Spezies und müssen erkundet werden. Selbst man sich dafür zum ersten Mal in seinem Leben auf Tourenski stellen und sich bei schwierigen Schneeverhältnissen zu der Gletscherhöhle hinarbeiten muss.

Es gab wenig Schnee diesen Winter in dieser normalerweise schneeverwöhnten Gegend. Der wenige starke Schneefall wurde von kräftigen Winden begleitet, der der Schnee alsbald verfrachtete und nicht mehr viel abseits der Pisten übrig ließ. Die Beschneiungsanlagen werden in immer größeren Höhen geplant – vielleicht sogar bald über 3000 m hinaus.

Unter fachkundiger Leitung einer Bekannten, die bereits seit einigen Jahren in Zermatt lebt und mit leidenschaftlicher Regelmäßigkeit in der Bergwelt unterwegs ist, haben wir uns eines Morgens im März zu den Höhlen gewagt. Eine stabile Hochdruckwetterlage bescherte der Region seit Tagen Kaiserwetter, die Temperaturen waren konsequent unter Null Grad und der Himmel königsblau.

Vorsichtig näherten wir uns dem ersten Höhleneingang, der eingebettet in der Landschaft aus Fels und Harschschnee lag. Wir hatten uns abseits der Piste über harten Schnee und Geröll an den Eingang der Höhle im ostseitigen Furgggletscher herangarbeitet. Der vereiste Schnee gab kaum nach unter den Brettern, es sei denn, man rutschte über eine dünne Lage gefrorenen und vom Wind verblasenen Schnees, der verdächtig unter den Skiern knirschte. Solange die Skispitzen noch aus der Kuhle herauszeigten, konnte man sich aber relativ gut weiter hindurch bewegen.

Vor der Höhle schnallten wir unsere Tourenski ab und zogen Harscheisen (oder Steigeisen) unter die Skischuhe (kein leichtes Unterfangen!!). Durch das permanente Eindringen von kurz darauf gefrierendem Sickerwasser in die Höhle bestanden die Flächen überwiegend aus blankem, glatten Eis. Keine Chance für normale Schuhe, dort Halt zu finden.

Gletscherhöhlen sind aber nicht nur wegen potentieller pelziger Bewohner gefährlich. Genauso unberechenbar wie viele andere Eisgebilde können Eisbrocken oder ganze Höhlenbereiche ohne Vorwarnung ab- oder einbrechen und gegebenenfalls den Besucher unter sich begraben. Rettung quasi aussichtslos.

Wir stellten die Ski zunächst ab und erkundeten die Höhle zu Fuß. Vorsichtig setzten wir unsere Füße im Höhleneingang vom Moränenkies direkt auf blankes Eis. Die Oberfläche des bodenseitigen Eises sah interessant aus: wie kleine Wasserwellen, die in ihren Bewegungen eingefroren schienen.

Das Hineintreten in die natürlich entstandene, unbefestigte Gletscherhöhle kostete im ersten Moment Überwindung. Wenn man es gewohnt ist, sich in einer Welt zu bewegen, welche komplett abgesichert und CE zertifiziert ist, konnte man sich bei dieser Höhle nicht sicher ein, ob, wann oder welcher Teil davon einbrechen würde. Wenn man Pech hatte, auch direkt über einem, wenn man gerade darin war. Es gab weder Frühwarnsystem noch Anzeichen, anhand derer man rechtzeitig hätte erkennen können, ob es sicher war, die Höhle zu betreten oder nicht.


In der Höhle fühlte man sich fast wie einer Mineraldruse. Die Schönheit dieses kühlen Raumes war unvergleichlich.






Die Vielfältigkeit der Farbschattierungen war spektakulär. Weißblaues oder weißgrünes, gestreifte oder schwarzgraue Eisflächen wechselten sich ab. Besonders an der Decke fielen die durch Schmelzvorgänge entstehenden, konkaven Einbuchtungen auf, welche farblich immer wieder leicht changierten. An manchen Stellen konnte man in der Decke und den Wänden Streifen von im Gletscher mitgeführten Kiesschichten sehen; wie Milchstraßen aus Stein, die seit Jahrhunderten schon in dem Gletscher mitreisen.


Aber Steine waren nicht die einzigen Zeitzeugen einer bewegten, jahrhundertealten Geschichte. Ein zerbeulter Helm (ohne Kopf) lugte seitlich halb aus dem Eis hervor, viellecht ein letztes Zeichen der armen Seele eines Matterhornbesteigers, unglücklich an dessen Fuße verschollen.
Wir wagten uns tiefer in die dunkle Höhle hinein, in der es nun erforderlich wurde, die Stirnlampen zu aktivieren.

Im Licht der Stirnlampe nahm die Schönheit der Eisstrukturen noch einmal einen ganz anderen Charakter an. Vom weiß-grün-bläulichem Dämmerlicht ging es nun über in eine Welt aus schwarz und weiß, aber nicht weniger unwirklich. Wie im Bauch eines Raumschiffes, einsam treibend und verschollen in der Unendlichkeit. Und wir waren die unerwarteten Entdecker. Der Atem kondensierte im Lichtkegel der Lampen; außerhalb davon wurde alles von Dunkelheit verschluckt.

Je tiefer man sich in den Bauch der Höhle hinein bewegte, um so verschlungener und ausgelieferter fühlte man sich darin. Es war total still, wie in einem Tempel. Kein Knacken, kein Säuseln, kein Steinerutschen – nichts. Mit einem mulmigen Gefühl, aber getrieben von Faszination und Bewunderung für die Schönheit der Höhle, machten wir uns auf den Weg hindurch und hinauf in den immer schmaler werdenden Schacht. Irgendwo an dessen Ende sollte der Ausgang sein.

Der obere Ausgang der Höhle lag direkt unterhalb der Matterhornwand, und damit unmittelbar in der Steinschlagzone des berüchtigten Berges. Wir würden uns von dort so rasch wie möglich entfernen müssen, um das Risiko zu minimieren.


Es war, insbesonders mit schwerer und suboptimal angepasster Leihausrüstung, schwierig und anstrengend, sich auf dem lockeren, vom Wind reingeblasenen Schnee, den steilen Weg zum höhergelegenen Ausgangsschacht herauf zu arbeiten. Trotz der Breite der Öffnung überkam einen zunehmend ein beklemmendes Gefühl, als würden die Eismassen über uns einen zerquetschen wollen. Die Mischung aus sehr lockerem Schnee, auf dem man immer wieder abrutschte, und dem festen, unebenen Eis der Gletscherblöcke unterhalb der dünnen Schneedecke machte die Fortbewegung extrem mühsam. Ausrüstungsgewicht und fehlende Technik taten ihr Übriges.
Dennoch waren Zuversicht und Vergnügen an dieser Unternehmung immer mit dabei (ich fragte unsere „Führerin“, wie denn nach diesem ziemlich harten Anfängerkurs für Tourengeher ihr Fortgeschrittenenkurs aussähe – da lachte sie nur).
Im Laufe der Zeit würde immer mehr Schnee in den Höhleneingang hineingeweht und sie in letzter Instanz auf dieser Seite komplett verschließen. Regelmäßige (erfahrene) Höhlengänger konnten das sonst umittelbar unsichtbare „Absinken“ der Eingangsöffnung bei ihren Besuchen im Verlauf beobachten – und sich damit der grundsätzlichen Gefährlichkeit dieser Höhlen bewusst werden.

Das Herauskriechen aus der Höhle war mühsam, aber bald geschafft. Zügig zogen wir unsere Ski unter die Füße und fuhren durch das Gelände abwärts zu den Moränen und außerhalb der unmittelbaren Steinschlaggefahr.



Danke (Julika) für diese tolle Erfahrung (und Danke an die Höhle, die nicht über uns eingebrochen ist, Danke an das Matterhorn, das keine Steine nach uns geworfen hat, und Danke an den Yeti, der nicht zuhause war 🙂 )!

Schweiz/Italien, 2022
Alle Bilder : Nora Petersen, CC BY SA 4.0
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