8. Juli 2020. Pollux (4092m) erreicht man nach etwa einer Stunde vom Kleinen Matterhorn aus über das südliche Gletscherfeld. Zusammen mit Breithornaspiranten, Skifahrern und anderen bunten (Hochzeits-) Gästen stellten wir uns der steifen Brise vor den Toren der Station, die Gummimatten hinab. Es war viel los, aber je tiefer wir in die Gletscherlandschaft vordrangen, umso leerer wurde es um uns herum. Entweder bogen die Seilschaften nach links Richtung Breithorngipfel (einfache Route) ab, oder wir ließen sie (mal wieder) schnellen Schrittes hinter uns.

Eine grandiose Weitsicht Richtung Südwestalpen auf der rechten Seite, passierten wir linker Hand das sogenannte „Schwarztor“ und Roccia Nera. Durchquerten Altlawinenabgänge, die uns an die latent lauernde Gefahr erinnerten. Noch war der Schnee kalt und griffig unter unseren Bergschuhen. Zahlreiche, sichtbare und unsichtbare Gletscherspalten um uns herum zu erahnen, das lange Seil unsere einzige Sicherung. „Oh, sehr dünne Schneebrücke!“ kam ein Ausruf von vorn; der Bergführer umging die Stelle vorsichtig und zügig.

Das Ziel war Pollux (4092m), der felsige Bruder vom schneebedeckten Castor (4223m) nebenan. Die „Zwillinge“ gehören zu den leichteren Viertausendern, zumindest, wenn man sie einzeln vom Kleinen Matterhorn aus bezwingt. Für eine anstrengende Trainingseinheit kann man auch beide an einem Tag besteigen, allerdings meldete sich mein Fußknöchel heute derart schmerzhaft, dass daran nicht zu denken war. Bereits jetzt verlangte es mir eine sehr hohe Schmerztoleranz ab, besonders wenn der Schmerz scharf in meinen Knöchel schoß und mir in diesen Momenten kurz die Standfestigkeit raubte. Er reichte jedoch nicht aus, um mich komplett aufzuhalten. Mit dem Schmerz musste ich jetzt klarkommen. Später würde ich mich um Schmerzmittel kümmern.

Wir waren nicht die einzigen mit dem Ziel. Es war ein wunderschöner, sonniger Tag, und mehrere Seilschaften schickten sich an, den Pollux zu ersteigen. Nachdem wir die Stöcke im Schnee gebunkert (und auf dem Rückweg wieder mitnehmen würden), Pickel und Steigeisen bereit und kurz etwas Energie zugeführt hatten, erklommen wir über das Couloir die Felsen. In diesen Tagen lernte ich intensiv mit Steigeisen am Fels zu klettern. „Das ist genau so wie in der Kletterhalle“ belehrte mich mein Bergführer. Ich nahm mir vor, die Steigeisen demnächst mal in der Kletterhalle zu testen, um diese Theorie zu überprüfen.

Eine Schlüsselstelle, die den Lernprozess erheblich beschleunigte, war die steile Felsnische mit den Ketten. Als wir ankamen, gab es bereits leichte Verzögerungen durch andere Bergsteiger. Mein Bergführer umging die Problematik pragmatisch, indem er eine Route parallel eröffnete, emporkletterte, und mich aufforderte, auf gleichem Wege hinterher zu kommen. Mit Steigeisen einen steilen glatten Fels, über einen breiten Spalt, wo man sich quasi nur im Spagat stabilisieren konnte, und mit den Frontzacken Halt auf unsichtbaren Leisten suchend verlangte mir das einen erheblichen Kraftakt ab.

Beim nächsten Mal wird es einfacher sein, aber jeder Zentimeter dieser Routen war Neuland für mich. Die Klettenpassage war ziemlich kurz, und bald waren wir an allen anderen Bergsteigern vorbei. Der Gipfel musste jetzt nur noch über einen Schneegrat erstiegen werden. Und die Belohnung war wieder eine unbeschreiblich schöne Aussicht.

Nach einer nicht allzu langen Pause (ca 15 min), da es ein ruhiger und schöner Tag war, ging es wieder hinab. Die Passage an den Ketten stellte sich diesmal als noch dramatischer dar als beim Aufstieg. Ich kam mir fast vor wie auf einer Flucht. Ein frankophoner Bergsteiger war gerade dabei an der oberen Kette herab zu klettern, als wir, ohne große Anstalten, direkt rechts von ihm eine Abseilstelle einrichteten, und mich der Bergführer, völlig unberührt von den Bemühungen in unserer unmittelbaren Nähe, zum Abseilen schickte. Er wollte zügig da durch. Neben mir nahm ich einen Anflug von Panik wahr: „ICH seile jetzt ab!“ fauchte es. Ein gestandener Mann. Obwohl wir keine Anstalten machten, die „besetzte“ Kette zu benutzen, packte der Bergsteiger kurz darauf wutentbrannt mein Seil, um seinem Anliegen Nachdruck zu verleihen. Die Spannung stieg derart, dass ich dachte, gleich gibt’s eine Prügelei. Irgendwie kam ich kurz darauf doch unten an, musste mich an einigen Bergsteigern am unteren Ende der Kette zum nächsten Haken vorbeiquetschen, um den Karabiner einzuhängen, während von oben knappe Anweisungen kamen. Von unten kamen weitere Bergsteiger in die enge Stelle. Ein echtes Nadelöhr. Auch an den letzten Ketten seilten wir so zügig nebendran ab, dass ich bei dieser Abseilgeschwindigkeit volle Konzentration auf die Suche nach Halt für meine Füße und Hände geben musste.

Tatsächlich hatten wir den Fuß des Felsens kurz darauf wieder erreicht, und konnten die Bergsteiger oben immer noch an der gleichen Stelle beobachten. Geschwindigkeit für Sicherheit. Das wurde mir vor allem beim Rückmarsch über den schneebedeckten Gletscher wieder bewusst. Jede Zeitverzögerung macht den Rückweg mühsamer und gefährlicher. Der Schnee wurde immer weicher, und somit nicht nur das Gehen mühsamer, sondern auch die Brücken über die Spalten zerbrechlicher. Gefühlte Stunden später erreichten wir wieder die Station. Die angemessene Belohnung für die „Strapazen“: erst mal einen Kaffee :-).

Am nächsten Tag war Erholung angesagt. Bei einer 8-stündigen Mountainbiketour kann man sich auch prima erholen ;-)! Vor allem in netter Gesellschaft von Ortansässigen und mit dem Ziel einer schönen Hütte vor Augen.

Posing vor dem Matterhorn

Die Erholungstage umfasste die Biketour, aber auch eine „Kaffeefahrt“ auf das Kleine Matterhorn (3883m) zur Akklimatisierung. Und eine Wanderung, die Wettertechnisch mit Optimismus kompensiert werden musste. Ein Tag für Trolle – die es zum Glück in der Schweiz nicht gibt.

Holzstiege in der Gornerschlucht

Die Tour durch die untere Gornerschlucht, über Holzstege und Zeitzeugen der formenden Urkräfte, war kurzweilig und versorgte einem mit frischer Luft für Lunge, Herz und Hirn.

Ein Wetter für Trolle und Drachen

Aber nun sollte sich der Höhepunkt der Tour nähern, und mein eigentliches Trainingsziel, das Weisshorn, in Angriff genommen werden.

Ich stellte jedoch innerlich fest, dass Corona trotz all meiner Bemühungen mich ausreichend vorzubereiten, mir letztendlich doch einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Obwohl Ausdauer und Kletterfähigkeiten recht gut waren, hatte ich das Gefühl, dass mir diesmal doch etwas wichtiges fehlte: die Power. Das hatte sich letztes Mal, für das Matterhorn, doch anders angefühlt.

Wollte ich mich auf einen der schwersten Berge der Alpen von meinem Bergführer hochziehen lassen, ohne die eigentliche Grösse dieser Tour, und die Schönheit des Abenteuers in vollen Zügen genießen zu können? Schweren Herzens entschied ich mich dagegen…und mein Stolz dankte es mir auch…. 😉

13. Juli 2020. Es würde diesmal ein anderer Berg werden…anstatt ein weisser eben ein roter…

Blick in den Morgenhimmel auf halben Weg zum Gipfel

Erst einige Stunden nach Aufbruch von der Hütte auf 3198 m erreichten uns die ersten Lichtstrahlen. Wir versuchten in der Dämmerung den Kometen „Neowise“ ausfindig zu machen, aber die Konkurrenz durch Venus war stärker. Trotz der klaren Nacht konnten wir ihn nicht entdecken. Unendlich viel Zeit konnten wir uns aber auch nicht für die Suche nehmen. Nachdem wir um 3:30 mit Stirnlampen, Steigeisen und Pickel aufgebrochen waren, über steile Gletscher (was man in der Dunkelheit allerdings nicht sehen konnte), um eine schwierige aber wunderschöne Tour zu machen, nahmen wir uns nur die nötigste Zeit für Fotos.

Langsam werden die Konturen unseres Weges sichtbar

Eine abwechslungsreiche Mischung aus Gletscher, Eis und Felskletterei, die wir fast ausschließlich mit den Steigeisen unter den Schuhen und mit dem Pickel (zum Abstützen) in der Hand oder zwischen Rucksack und Schulterblätter bewältigten. Des Öfteren wurde ich angehalten, mich in bestimmten Gletscherpassagen gut zu konzentrieren. Den drohenden Abgrund konnte ich in der Dunkelheit nicht ausmachen, aber sollten wir ins Rutschen geraten, hätte auch der Bergführer nicht mehr viel ausrichten können.

Nur das Seil zeigt die Richtung an, in die der Bergführer vor geklettert ist
Das Matterhorn wird von den ersten Sonnenstrahlen angeleuchtet

Ein Blick auf das Matterhorn lässt Erinnerungen hochkommen. Letztes Jahr, fast auf den Tag genau, waren wir zur gleichen Zeit fast auf gleicher Höhe wie jetzt.

Schwierige Kletterei auf der „Binerplatte“

Ich erfuhr von der „Binerplatte“ erst, als wir direkt davor standen. „Das hier ist die schwierigste Stelle“, und ohne weitere Erklärungen kletterte er vor. Die Verhältnisse waren günstig, aber als ich selbst in der Platte hing, die zwar wunderbare Untergriffe hatte, sonst aber wie die abwärts gerichteten Schuppen eines riesigen Granitdrachen wirkten, verstand ich die Problematik. Vor allem bei Eis und Schnee. Hier bewährte sich aber wieder die gute Klettervorbereitung, und die Passage war schnell bewältigt. Was durch den erheblichen Seilzug von schräg oben noch etwas schwieriger war. Aber Sicherheit hat nun mal Vorrang. Am nächsten Tag war eine Seilschaft nach einer kalten Nacht mit dem Hubschrauber aus dieser Tour evakuiert worden.

Die Spitze des Zinalrothorns kommt erst spät in den Blick (hier rückblickend) – wir waren dort noch in der Dämmerung hoch geklettert
Der Blick vom sehr schmalen Gipfelplateau

Obwohl die Route auf das Zinalrothorn (4221 m) als „ziemlich schwierig“ (genau wie das Matterhorn) eingestuft wird, ist es doch ein Genuß hier unterwegs zu sein. Griffig, abwechslungsreich und ein tolles Panorama. Hart zwar, aber mittlerweile war ich gut genug akklimatisiert und auch technisch und konditionell wieder ein Stückchen weiter. Es war eine der schönsten Touren die ich in diesen Höhen bisher unternommen hatte.

Blick vom Gipfel Richtung Matterhorn
Das Weisshorn in direkter Nachbarschaft scheint zum Greifen nahe….
Der Weg zurück – rechts thront das Matterhorn
Abklettern durch das „Wasserloch“
In der Hütte wird erst mal alles Material zum Trocknen ausgebreitet

Gegen 10 Uhr waren wir wieder auf der Hütte, es war noch niemand von den anderen Bergsteigern da. Über diesen Schnitt konnte man sich nun wirklich nicht beklagen, das war ziemlich gut. Es war eine wunderschöne Tour, fordernd für Körper und Geist, gut fürs Gemüt und leicht für das Herz.

Wie wäre es wohl auf dem Weisshorn gegangen? Wie gut hätte ich es geschafft? Die Frage wird mir wohl keiner beantworten können, und ein bisschen Wehmut schwingt bei dem Gedanken schon mit. Das Weisshorn muss ich mir wohl ein anderes Mal nochmal vornehmen.

Weisshorn (rechts im Bild), ich bin noch nicht fertig mit dir…
Der Weg ins (oder hinauf vom) Tal – wunderschön

Aber ich wäre nicht ich, wenn ich nicht bereits das nächste Abenteuer in der Pipeline hätte… 🙂

Schweiz 2020

Alle Bilder : Nora Petersen, CC BY SA 4.0